[update] Petition eingereicht.

Jetzt wird’s ernst. Die Petition* wurde offiziell am 2.12.2016 im Thüringer Landtag eingereicht. Sie wird derzeit bearbeitet. In der nächsten Sitzung des Petitionsausschusses am 12.01.2017 wird entschieden, ob die Petition veröffentlicht wird.

Sobald ich mehr weiß, gebe ich euch Bescheid und sende euch den Link, damit so viele Menschen wie möglich unterschreiben können. Wir benötigen 1500 UnterzeichnerInnen, damit es zu einer Anhörung kommt.

Und hier sind zwei Artikel, die ich zur Anhörung vom 29.11.2016 gefunden habe:

http://www.lvz.de/Region/Altenburg/Unterricht-fuer-Gefluechtete-im-Altenburger-Land-Landraetin-fordert-Unterstuetzung

http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Enorme-Mehrkosten-durch-Sprachklassen-1143894004

Die Entfristung der DaZ-LehrerInnen in Thüringen war während der gesamten Anhörung immer wieder Thema. Die meisten RednerInnen setzen sich FÜR eine Erhaltung der DaZ-LehrerInnen-Stellen ein. Schöne Neuigkeiten.

*Anmerkung: Die vorher verbreitete Petition auf openPetition wird von der Thüringer Regierung nicht anerkannt. Sie diente lediglich als Instrument zum Einsehen von Meinungen und Stimmen vor der Anhörung, da eine Diskussions- und Kommentarfunktion vorhanden ist und man außerdem auf einer Landkarte einsehen kann, woher die UnterzeichnerInnen kommen. Daher diese „neue“ Petition.

Stellungnahme der Thüringer DaZ-LehrerInnen zum Anhörungsverfahren.

Für Dienstag, den 29.11.2016, hat der Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport (AfBJS) zu einer Anhörung in den Landtag eingeladen. Auch wir sind dabei und tragen unsere Stellungnahme vor. Diese wurde wie folgt bereits schriftlich eingereicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bedanken uns für die Möglichkeit zur Stellungnahme zu den beiden vorliegenden Anträgen der Regierungsfraktionen sowie der CDU. Wir freuen uns, dass wir, die Thüringer DaZ-LehrerInnen, einen Beitrag leisten dürfen.

Zu Beginn des Schuljahres 2015/16 wurden die meisten Sprachförderkräfte für Deutsch als Zweitsprache als LehrerInnen in Thüringen eingestellt. Viele haben kein zweites Staatsexamen, sondern Magister-, Master- oder Bachelorabschlüsse: ein Experiment. Die Verträge wurden befristet für zwei Jahre abgeschlossen. Nun wird seitens des TMBJS deutlich gemacht, dass es nicht vorgesehen ist, die Verträge nach dieser Zeit zu verlängern, obwohl klar ist, dass die sprachliche Förderung auch weiterhin eine wichtige Aufgabe bleiben wird. Zum Erreichen eines Schulabschlusses ist sie Voraussetzung!

Nach mittlerweile über einem Jahr ist festzustellen, dass der Tätigkeitsbereich der DaZ-LehrerInnen viel umfassender ist, als anfangs angenommen.

Als LehrerInnen vermitteln wir den neuzugewanderten Kindern und Jugendlichen nicht nur die Sprache, die der Schlüssel zur Integration ist. Wir führen Elterngespräche, beraten Eltern sowie Klassen- und FachlehrerInnen. Wir stellen Kontakt zu außerschulischen Partnern, die zwingend für die Integration notwendig sind, her und vernetzen. Wir unterstützen die Klassen- und FachlehrerInnen, die sehr dankbar dafür sind. Wir diagnostizieren und wir alphabetisieren. Wir stärken Kinder und Jugendliche, indem wir ihnen Vertrauen schenken.

Um diese Anforderungen zu bewältigen, haben wir DaZ-SprachförderlehrerInnen ein Hochschulstudium abgeschlossen. Wir sind gut qualifiziert und bringen vielfältige Erfahrungen mit. Was uns fehlt ist das zweite Staatsexamen – ein Umstand, den die meisten DaZ-LehrerInnen gerne durch eine entsprechende Qualifizierung nachholen würden. Als Quereinsteiger bereichern wir den Schulalltag und leisten einen unschätzbar wertvollen Beitrag zur Integration. Der Koalitionsvertrag der Thüringer Landesregierung sieht vor, dass diese Konstellation gefördert wird.

Wir möchten, dass wir DaZ-Lehrerinnen unbefristet eingestellt werden, um somit auch weiterhin im Schuldienst zu arbeiten und Integrationsarbeit zu leisten. Dies ist z.B. umsetzbar, indem wir in Teilzeit arbeiten und ein zweites Fach nachstudieren, um dann das zweite Staatsexamen zu erwerben. Diese Möglichkeit muss geschaffen werden. In anderen Bundesländern (z.B. Sachsen) ist dies bereits möglich. Auch in Thüringen wurden vielen LehrerInnen nach der Wende Umschulungen ermöglicht (z.B. LehrerInnen der Fächer „Darstellen und Gestalten“, „Wirtschaft und Recht“, „Religion“). Dies geschah berufsbegleitend.

Viele DaZ-LehrerInnen haben selbst einen Migrationshintergrund und sind mehrsprachig. Sie bringen interkulturelle Kompetenzen mit und bereichern dadurch die Schullandschaft maßgeblich. Bei einigen würde eine Nicht-Verlängerung des Vertrags eine Ausreise aus Deutschland bedeuten. Das darf nicht passieren. Die Schulen sollten diesen interkulturellen Schatz behalten dürfen.

Bereits jetzt werden vereinzelt LehrerInnen eingestellt, die nicht qualifiziert im Bereich Deutsch als Zweitsprache sind und den Förderunterricht übernehmen. Meistens sind sie überfordert und darunter leidet die Qualität des DaZ-Förderunterrichts. Wir fordern, dass Deutsch als Zweitsprache nur von dafür qualifizierten LehrerInnen unterrichtet werden darf.

Da der Förderbedarf auch in den nächsten Jahren gegeben ist, ist ein DaZ-Förderunterricht notwendig. Analog zum inklusiven Schulgesetzt sollte an jeder Schule einE DaZ-LehrerIn arbeiten bzw. bei erhöhtem Bedarf mehr.

Ein individueller Rechtsanspruch auf eine DaZ-Förderung sollte außerdem im Schulgesetz verankert werden.

Diese DaZ-Förderung sollte für alle Schularten gelten – ob Berufsschule, weiterführende Schule oder Grundschule: eine Förderung ist unumgänglich.

Für absolute AnalphabetInnen, die älter als 12 Jahre sind, sollte eine andere Lösung gefunden werden. Hier ist eine Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe denkbar. Eine Einschulung in o.g. Schulen ist nicht möglich. Dies hat die Erfahrung vieler LehrerInnen gezeigt.

Begrüßenswert wären außerdem Standards zu folgenden Themen: DaZ-Lehrpläne, Diagnoseverfahren und muttersprachliche Kognitionstests.

Wir freuen uns, dass sich Thüringen bereits auf den Weg gemacht hat, SchülerInnen mit Migrationshintergrund zu integrieren und versucht, ihnen die gleichen Chancen zu geben, wie allen anderen SchülerInnen. Dies darf jedoch nicht mit diesem Schuljahr enden.

Für weitere Gespräche stehen wir zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Albulenë Thaçi

im Auftrag des DaZ-Netzwerks Jena

 Jena, den 14.11.2016

anhorung_landtag-pdf

Worte einer Jenaer DaZ-Lehrerin.

Gedanken einer Lehrerin, die bald keine mehr sein darf
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Auch in den Ferien bin ich oft im Kopf bei meinen Kindern. Mache mir Sorgen was nächstes Jahr passiert, wenn meine befristete Stelle als Deutsch als Zweitsprache-Lehrerin ausläuft. Da studiert man 4 Jahre um im Endeffekt einen Hartz4 Antrag ausfüllen zu dürfen. Und alles nur, weil für meine Tätigkeit keine Stellen geschaffen werden, sondern nur Gelder übrig sind. Nächstes Jahr muss ich meine Kinder also abgeben, mein Zimmer leer räumen. Alle Fortschritte, die die Kinder und ich in den 2 Jahren meiner Anstellung gemacht haben, über den Haufen werfen und gehen. Ein neuer DaZ- Lehrer wird eingestellt. Für 2 Jahre. Und weil der Markt an DaZ-Lehrern leer gefegt ist, wird meinen Job wahrscheinlich ein „normaler“ Lehrer übernehmen. Durch die chronische Unterbesetzung und die langzeitkranken Kollegen an meiner Schule wird dieser Lehrer wahrscheinlich alle Vertretungsstunden übernehmen müssen, um die Pflichtstunden abzudecken und einen Ausfall des Unterrichts zu verhindern. Er wird wahrscheinlich kaum Zeit für meine Kinder haben. Wie das läuft, wenn einer kommt um mich in meiner Arbeit zu unterstützen soll, hat die Vergangenheit gezeigt. Einer ist aus Mangel an Kollegen inzwischen Klassenlehrer, eine andere Kollegin ist so eingespannt mit Vertretungsstunden, dass sie noch gar nicht dazu gekommen ist, die Kinder kennenzulernen. Wer im Endeffekt immer den kürzeren ziehen wird, sind meine Kinder. Kinder, die ohne eine angemessene Deutschförderung im normalen Unterricht untergehen. Kinder die allmählich den Spaß am lernen verlieren, wenn sie 6 Stunden am Tag in der letzten Reihe geparkt werden, damit man sich ja nicht „auch noch um die“ kümmern muss. Das nenne ich gelungene Integration! Das System macht mich traurig. Wenn ich diese wunderbaren kleinen Menschen bei mir habe, wir durch ausprobieren lernen, durch Fehler wachsen, dann habe ich Angst, vor dem was kommt. Ziehe ich dann wie eine Nomadin von Bundesland zu Bundesland, darf überall meine 2 Jahre fristen um dann zu gehen? Wann werde ich irgendwann mal ankommen und bleiben dürfen?
Ich und mit mir ca 150 thüringer DaZ-Lehrer sollen 2017 aus dem Schuldienst entlassen werden. Diese Petition setzt sich für unsere Entfristung und die Möglichkeit, das 2. Staatsexamen berufsbegleitend nachzuholen ein. Ich bitte euch diese Petition zu unterschreiben.

https://www.openpetition.de/petition/online/entfristung-der-deutsch-als-zweitsprache-daz-lehrerinnen

Worte eines Weimarer DaZ-Lehrers.

Schwierigkeiten bei der Beschulung von Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache

  1. Schwierigkeiten, die auf mangelnde Sprachkenntnisse zurückzuführen sind  

Der aktive Wortschatz eingeschulter Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache (KndtHS) beschränkt sich bei Schuleintritt in den meisten Fällen auf wenige, z.T. fehlerhafte wiedergebene Floskeln, erworben in immer wiederkehrenden Alltagssituationen. So können bspw. fast alle KndtHS bei Schuleintritt Auskunft über ihren Namen, ihre Herkunft oder ihr Alter geben; die zum Verständnis des und die zur aktiven Teilnahme am Regelunterricht erforderlichen Begriffe und Redemittel fehlen hingegen, was sich in fast allen schulischen Lernsituationen, vor allem jedoch in den sprachlastigen Unterrichtsfächern, als hinderlich herausstellt:

Beispielsweise kommt es zu deutlichen Lernverzögerungen im Bereich der Alphabetisierung, da KndtHS bei Schuleintritt oft noch nicht über jene Begriffe verfügen, die in den Anlauttabellen abgebildet sind. Die Kenntnis dieser Begriffe ist jedoch notwendige Voraussetzung, um erfolgreich mit dieser Art Lernhilfe umgehen zu können. Bspw. ist die Identifikation des Graphems ‚A‘ zum Laut ‚A‘ nur unter der Voraussetzung möglich, dass das Kind den in der Anlauttabelle dazu abgebildeten Begriff bereits erworben hat und sicher beherrscht. Vor dem Hintergrund, dass 2-3silbige Begriffe im Durchschnitt zwischen 30 und 50 Mal auditiv erfasst und aktiv nachgesprochen werden müssen bevor sie Eingang in den aktiven Wortschatz finden, wird eine oftmalige Verzögerung im Bereich der Alphabetisierung plausibel.

Desweiteren lässt sich beobachten, dass KndtHS gerade im ersten Schulhalbjahr wesentlich seltener an Morgen- und Gesprächskreisen teilnehmen als deutschsprachige Kinder. Begründet werden kann dies einerseits mit den fehlenden sprachlichen Mitteln. Andererseits spielen hier jedoch auch Dinge wie Scham, das individuelle Erleben nicht gelingender Kommunikation im Schulalltag, ein anderskulturelles Verständnis des Verhältnisses zwischen Lehrkraft und Schüler oder die spürbare Ungeduld der Mitschüler (tw. auch der Lehrkraft) eine Rolle. Berücksichtigt man, dass das gemeinsame Gespräch – gerade im Grundschulbereich – eine der am häufigsten zur Anwendung kommenden Formen der Vermittlung von Bildungsinhalten darstellt, werden die beobachtbaren Lern- und Entwicklungsverzögerungen bei KndtHS erklärbar.

Der unzureichende Wortschatz bzw. die nicht vorhandenen Redemittel bei KndtHS führen ferner zu Problemen bei der auditiven Identifikation von Wortgrenzen. Vor allem bei der Verwendung von Hörtexten oder während mündlicher Präsenationsphasen fällt es KndtHS dementsprechend oft schwer, die bedeutungstragenden Teile vorgetragener Texte zu verstehen bzw. jene Informationen zu filtern, die sie zur richtigen Ausführung von Arbeitsanweisungen befähigen. Darüber hinaus führen Schwierigkeiten bei der auditiven Identifikation von Wortgrenzen oft zu Verzögerungen im Lese- und Schreiblernprozess.

Als ebenso problematisch bei der Beschulung KndtHS stellt sich die häufige Verwendung kulturgeprägter Sprachhandlungen in Unterrichtssituationen dar. Um Bildungsinhalte schnell und sicher vermitteln zu können, werden vor allem im Grundschulunterricht fast täglich Metaphern oder sprachliche Bilder aus der kindlichen Lebens- und Erfahrungswelt verwendet. Das Erfassen und richtige Deuten dieser sprachlichen Sinnbilder ist häufig jedoch nur den Angehörigen jenes Sprach- und Kulturraumes möglich, dem das verwendete Sinnbild entstammt (oder die über eine ähnliche Entsprechung des Sinnbilds in ihrer Muttersprache bzw. -kultur verfügen). Aufgrund ihrer andersartigen (sprach)kulturellen Prägung bleiben Kindern aus kulturfernen Gebieten diese methodischen Zugänge zu Bildungsinhalten oft versperrt oder ihre Verwendung kann – im Falle kulturell-andersartig konnotierter Begriffe und Redewendungen – zu Unsicherheiten und Missverständnissen in der entsprechenden Lernsituation führen.

Eine weitere Herausforderung bei der Beschulung KndtHS besteht in der Vermittlung bzw. dem Erlernen des deutschen Lautsystems. Das Erreichen dieses Lernziels erfordert sowohl Zeit als auch eine fachspezifische Anleitung zum Training der Hör- Sprechwerkzeuge. In besonderem Maße betrifft dies jene Schüler, deren muttersprachliches Lautsystem stark von dem der deutschen Sprache abweicht (gegenwärtig v.a. beobachtbar bei Schülern aus Syrien, Afghanistan, Irak, Eritrea und den Maghrebstaaten). Typische Schwierigkeiten bestehen bspw. bei der akkustischen Differenzierung zwischen ‚i‘ und ‚e‘, der Wahrnehmung sowie der Bildung von Umlauten (ä,ü,ö) und Diphtongen (ei, au, äu, eu usw.) sowie der Produktion jener Laute, die im mittleren Gaumenbereich gebildet werden (z.B. die Laute ‚G‘ oder ‚L‘).

  1. Schwierigkeiten, die auf mangelnde formale Voraussetzungen zurückzuführen sind

Ungeachtet der mangelnden Sprachkenntnisse verfügen KndtHS nur in den wenigsten Fällen über jene formalen Voraussetzungen, die für eine erfolgreiche Teilnahme am Regelunterricht erforderlich sind. Bspw. lassen sich insbesondere bei Kindern aus den gegenwärtigen Krisengebieten räumliche Orientierungsschwierigkeiten auf dem Papier oder feinmotorische Ungeübtheit (bspw. im Drei-Punkt- oder Zangengriff) feststellen, die den Lernprozess im Allgemeinen, v. a. aber den Schreiblernprozess erheblich verzögern.

Ferner sind bei KndtHS häufig Stresssymptome beobachtbar, die möglicherweise durch Traumatisierungserlebnisse herbeigeführt wurden. Obwohl in den meisten Fällen nicht ärztlich diagnostiziert, behindern diese Symptome den (Sprach)Lernprozess erheblich. Typische Beobachtungen sind bspw. fehlende Lern- und Arbeitsausdauer, Konzentrationsschwächen, überdurchschnittliche Nervosität und Angst in Alltagssituationen (z.B. bei Toilettengängen während der Unterrichtszeit), Lautstärkeüberempfindlichkeit sowie untypische Reaktionen auf gewöhnliche Umweltreize (Krankenwagensirenen, Feuerwerkskörper, Abdunkeln des Unterrichtsraumes u.ä.).

  1. Schwierigkeiten, die auf kulturell andersartigen Erfahrungen, Vorstellungen und Erwartungen im Umgang mit institutioneller Bildung basieren

KndtHS verfügen, wenn überhaupt, dann häufig über kulturell andersartige Erfahrungen und Vorstellungen im Umgang mit institutioneller Bildung, aus denen wiederum falsche Erwartungshaltungen an den Schulalltag ode spezifische Unterrischtssituation.

Bspw. verfügen KndtHS kaum über Erfahrungen mit offenen, weitestgehend selbst gesteuerten Lern- und Unterrichtsformen. Neben der Bewältigung des eigentlichen Lernstoffs sehen sich KndtHS demzufolge der zusätzlichen Herausforderung gegenübergestellt, neue Lerntechniken und Sozialformen erlernen und reflektieren zu müssen.

Des weiteren lässt sich beobachten, dass bereits im Herkunftsland erworbene und im dt. Schullalltag angewandte Lösungsstrategien zu Unklarheiten und Missverständnissen v.a. im Bereich der Leistungseinschätzung und darüber hinaus der Gestaltung des weiteren Bildungsweges führen können. So wählen KndtHS bspw. im Fach Mathematik mitunter andere Rechenwege, die letztendlich zwar zu richtigen Ergebnissen führen, die für die hiesige Lehrerschaft allerdings nur schwer einsehbar bzw. nachvollziehbar seien können. Wenngleich KndtHS somit zwar zu richtigen Ergebnissen gelangen, so kann sich die Bewertung der vom Schüler gewählten Lösungsstrategie für die Lehrkraft mitunter als schwierig erweisen.

Ein weiteres Problem bei der Beschulung von KndtHS entsteht durch die in den jeweiligen Herkunftsländern vorherrschenden Rollen- und Beziehungsvorstellungen von bzw. zwischen Mann und Frau, die bis hin zur Nichtakzeptanz weiblicher Lehrpersonen der Schüler und ihrer Eltern führen kann. Gleichermaßen muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass abweichende, unzureichende oder tw. falsche Vorstellungen von Unterrichtsfächern bzw. einzelnen Bildungsinhalten zu Missverständnissen und Konflikten sowohl mit KndtHS als auch mit den Eltern führen können. In Besonderem betrifft dies sexualkundliche Bildungsinhalte oder die Darstellung geschichtlicher Themen im Unterricht (Bsp. Erdgeschichte, Ur- und Frühgeschichte, Evolutionstheorie, Ethnisch-Religiöse Konflikte in Nahost usw.)

  1. Schwierigkeiten in der Elternarbeit

Elternarbeit: Aufgrund der fehlenden sprachlichen Mittel gestaltet sich die Kommunikation mit den Eltern KndtHS oft schwierig, vor allem was den Austausch über individuelle Lernentwicklungen, die Übermittlung kurzfristiger, den Schulalltag betreffender Informationen (z.B. Klassenfahrten, Ausflüge, Informationen zur Organisation im Hort) oder die Einbindung die schulische Elternarbeit betrifft (Gremienarbeit, Vor- und Nachbereitung von Schulfesten u.ä.). Zudem weisen im Regelunterricht ausgegebene Informationsblätter (Aufklärungsschreiben über Infektionskrankheiten, Materialisten, Ankündigungen von Exkursionen o.ä.) häufig eine zu große sprachliche Komplexität auf, um von Eltern KndtHS ausreichend verstanden werden zu können. Dies führt immer wieder zu Versäumnissen, Verzögerungen oder Missverständnissen, die sich für das einzelne Kind nachteilig auswirken können. Abschließend sei in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass es sich aufgrund der vorhanden Sprachbarrieren ebenso schwierig gestaltet, Eltern nichtdeutscher Herkunftssprache in die Arbeit der Elternschaft einzubinden.

Vorteile hinsichtlich der Fortführung der Willkommensklassen

Die in verschiedenen Schulen mit überdurchschnittlich hohem Anteil KndtHS eingerichteten DaZ-Klassen stellten sich als eine Art geschützter „Sprach- und Kultur-Experimentierraum“ heraus. Frei von Sprechhemmnissen, Zeitdruck und Erwartungshaltungen war es KndtHS hier möglich, in kleineren Lerngruppen bewusst und sensibel mit der deutschen Sprache zu experimentieren. Vor allem das Wissen um die Tatsache, dass in den Sprachklassen ausschließlich KndtHS lernen, führte im Allgemeinen zum Abbau von Sprechhemmungen, zum besseren Verständnis von Aufgabenstellungen im Regelunterricht und nicht zuletzt zur deutlich aktiveren Teilnahme an Gesprächskreisen in den Regelklassen.

Ferner wurde mit den Sprachklassen die Möglichkeit geboten, auf individuelle Probleme beim Spracherwerb einzugehen sowie dem Erlernen der dt. Sprache die notwendigen zeitlichen Kapazitäten einzuräumen. Vor allem Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Erlernen des deutschen Lautsystems hatten oder bei denen Traumatisierungssymptomen zu beobachten waren, profitierten von einer fachgerechten Anleitung, der geringen Klassengröße sowie der regelmäßigen und fortlaufenden Fokussierung auf den Erwerb der deutschen Sprache.

Außerdem stellten sich die eingerichteten Sprachklassen als Räume heraus, von denen aus interkulturelles Lernen geplant, initiiert und in den gesamten Schulalltag hineingetragen werden kann. Durch verschiedene Projekte und Aktionen, die hier entworfen und von hier aus initiiert wurden, wurde Neugier bzgl. fremder Kulturen geweckt, gegenseitiges Verständnis hervorgerufen und Integration als wechselseitiger Prozess spürbar voran getrieben werden.

Nicht zuletzt erwiesen sich die Sprachklassen gleichfalls als Anlauf- und Mittlerstellen für die bzw. zwischen den Eltern KndtHS und den Lehrkräften der Regelklassen. Beide Seiten profitierten dabei von dem bei vielen DaZ-Lehrkräften vorhandenen Wissen um das Fremdkulturelle und vielfachen interkulturellen Erfahrungen. Missverständnisse und sich anbahnende Probleme zwischen den Lehrkräften und Eltern, die ihren Ursprung in kulturell andersartigen Vorstellungen und Erwartungshaltungen finden, konnten durch das Hinzuziehen von DaZ-Lehrkräften häufig bewusst gemacht, entschärft und gelöst werden.

Briefaktion: Reaktionen.

Seit der Briefaktion sind nun einige Wochen vergangen und immer noch erreichen uns (jeden einzelnen von uns) Antworten per Brief und E-Mail. Die erfreulichste Nachricht ist, dass die Brief-Aktion eine Einladung zur Anhörung im Landtag erreichte.

Die Beschäftigungsgegenstände sind „Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Beschulung von Flüchtlingskindern in Thüringen schaffen“ (Antrag der Fraktion der CDU) und „Verbesserung der Beschulung von zugewanderten und geflüchteten Kindern und Jugendlichen“ (Antrag der Fraktionen DIE LINKE, der SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN). Die beiden Anträge sind unter http://www.parldok.thueringen.de/ParlDok/index (Drucksache 6/1833 und 6/2247) herunterladbar.

Die Anhörung findet am Dienstag, dem 29.11.2016 um 10 Uhr im Thüringer Landtag statt. Die DaZ-LehrerInnen Thüringens werden von uns vertreten durch Albulene Thaci (Sprachklasse an der Galileo-Schule Winzerla, Jena).

Und hier einige Auszüge von Briefen, die uns erreicht haben:

Marion Rosin (SPD) schreibt: „Ich setze mich schon seit längerem gegenüber dem TMBJS und Ministerin Klaubert für eine Weiterbeschäftigungsperspektive und die Möglichkeit einer berufsbegleitenden Weiterqualifizierung ein.“ Sie verweist auf den Antrag (s.o.), der auf ihre Initiative hin in den Landtag eingebracht wurde.

Kati Engels (DIE LINKE) verweist ebenfalls auf den Antrag und betont, dass sie sich für unser Anliegen einsetzt. Sie schreibt jedoch auch, dass es sich um einen Exekutivakt handelt, „auf den wir als Parlamentarier wenig Einfluss haben.“

Astrid Rothe-Beinlich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) beschreibt kurz die bisherige Arbeit ihrer Partei in Bezug auf die DaZ-Stellen: „Daher haben wir uns als bündnisgrüne Landtagsfraktion während der Haushaltsverhandlungen für den Thüringer Doppelhaushalt 2016/2017 vehement für zusätzliche Personalstellen für die DaZ-Förderung und zusätzliche Stellen für den allgemeinen Schulbereich eingesetzt. Leider war es – entgegen unserer Intention – bislang nicht möglich, unbefristete und damit dauerhafte Stellen in den Schulen zu schaffen. Wir sind uns jedoch bewusst, dass diese Stellen dringend notwendig sind.“ Weiterhin schreibt sie, dass sich BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in den kommenden Wochen dafür einsetzt, die bisherigen Verträge der DaZ-LehrerInnen zu verlängern und darüber hinaus dauerhafte Stellen zu schaffen.

Auch Christian Tischner (CDU) hat das „Thema der befristet eingestellten DaZ-Lehrer bereits im Blick“. Die CDU setzt sich für deren Weiterbeschäftigung ein. Außerdem schreibt er: „Seitens der Landesregierung wurde mitgeteilt, dass vor allem ausschlaggebend sei, wie die Lehrer qualifiziert seien. […] Gegebenenfalls [könnten] Angebote als Quereinsteiger gemacht werden.“

In vielen E-Mails und Briefen wurde außerdem erwähnt, dass unser Anliegen an das TMBJS mit der Bitte um schnelle Einzelfallprüfung weitergeleitet wurde.

Was könnt ihr machen? Den Blog fleißig verbreiten und darüber sprechen, kommentieren oder E-Mails schreiben.

In den kommenden Tagen wird die Presse informiert.

daz-thueringen@web.de

 

 

Zeitraum verlängert! (bis 13.08.16)

Auf Grund der Ferien wurden einige DaZ-LehrerInnen erst diese Woche auf diesen Blog aufmerksam. Schön, dass ihr mitmachen wollt!

Es ist nicht schlimm, wenn nicht alle Briefe gleichzeitig ankommen. Viel wichtiger ist, DASS sie ankommen!

Einige DaZ-LehrerInnen haben die Brief-Aktion schon mitgemacht und eine E-Mail an daz-thueringen@web.de geschickt! Das ist super! Ich veröffentliche nächste Woche die konkreten Zahlen! Teilt diesen Blog fleißig und lasst es eure KollegInnen wissen!

Einen guten Start ins neue Schuljahr wünscht

daz-thueringen@web.de