Stellungnahme der Thüringer DaZ-LehrerInnen zum Anhörungsverfahren.

Für Dienstag, den 29.11.2016, hat der Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport (AfBJS) zu einer Anhörung in den Landtag eingeladen. Auch wir sind dabei und tragen unsere Stellungnahme vor. Diese wurde wie folgt bereits schriftlich eingereicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir bedanken uns für die Möglichkeit zur Stellungnahme zu den beiden vorliegenden Anträgen der Regierungsfraktionen sowie der CDU. Wir freuen uns, dass wir, die Thüringer DaZ-LehrerInnen, einen Beitrag leisten dürfen.

Zu Beginn des Schuljahres 2015/16 wurden die meisten Sprachförderkräfte für Deutsch als Zweitsprache als LehrerInnen in Thüringen eingestellt. Viele haben kein zweites Staatsexamen, sondern Magister-, Master- oder Bachelorabschlüsse: ein Experiment. Die Verträge wurden befristet für zwei Jahre abgeschlossen. Nun wird seitens des TMBJS deutlich gemacht, dass es nicht vorgesehen ist, die Verträge nach dieser Zeit zu verlängern, obwohl klar ist, dass die sprachliche Förderung auch weiterhin eine wichtige Aufgabe bleiben wird. Zum Erreichen eines Schulabschlusses ist sie Voraussetzung!

Nach mittlerweile über einem Jahr ist festzustellen, dass der Tätigkeitsbereich der DaZ-LehrerInnen viel umfassender ist, als anfangs angenommen.

Als LehrerInnen vermitteln wir den neuzugewanderten Kindern und Jugendlichen nicht nur die Sprache, die der Schlüssel zur Integration ist. Wir führen Elterngespräche, beraten Eltern sowie Klassen- und FachlehrerInnen. Wir stellen Kontakt zu außerschulischen Partnern, die zwingend für die Integration notwendig sind, her und vernetzen. Wir unterstützen die Klassen- und FachlehrerInnen, die sehr dankbar dafür sind. Wir diagnostizieren und wir alphabetisieren. Wir stärken Kinder und Jugendliche, indem wir ihnen Vertrauen schenken.

Um diese Anforderungen zu bewältigen, haben wir DaZ-SprachförderlehrerInnen ein Hochschulstudium abgeschlossen. Wir sind gut qualifiziert und bringen vielfältige Erfahrungen mit. Was uns fehlt ist das zweite Staatsexamen – ein Umstand, den die meisten DaZ-LehrerInnen gerne durch eine entsprechende Qualifizierung nachholen würden. Als Quereinsteiger bereichern wir den Schulalltag und leisten einen unschätzbar wertvollen Beitrag zur Integration. Der Koalitionsvertrag der Thüringer Landesregierung sieht vor, dass diese Konstellation gefördert wird.

Wir möchten, dass wir DaZ-Lehrerinnen unbefristet eingestellt werden, um somit auch weiterhin im Schuldienst zu arbeiten und Integrationsarbeit zu leisten. Dies ist z.B. umsetzbar, indem wir in Teilzeit arbeiten und ein zweites Fach nachstudieren, um dann das zweite Staatsexamen zu erwerben. Diese Möglichkeit muss geschaffen werden. In anderen Bundesländern (z.B. Sachsen) ist dies bereits möglich. Auch in Thüringen wurden vielen LehrerInnen nach der Wende Umschulungen ermöglicht (z.B. LehrerInnen der Fächer „Darstellen und Gestalten“, „Wirtschaft und Recht“, „Religion“). Dies geschah berufsbegleitend.

Viele DaZ-LehrerInnen haben selbst einen Migrationshintergrund und sind mehrsprachig. Sie bringen interkulturelle Kompetenzen mit und bereichern dadurch die Schullandschaft maßgeblich. Bei einigen würde eine Nicht-Verlängerung des Vertrags eine Ausreise aus Deutschland bedeuten. Das darf nicht passieren. Die Schulen sollten diesen interkulturellen Schatz behalten dürfen.

Bereits jetzt werden vereinzelt LehrerInnen eingestellt, die nicht qualifiziert im Bereich Deutsch als Zweitsprache sind und den Förderunterricht übernehmen. Meistens sind sie überfordert und darunter leidet die Qualität des DaZ-Förderunterrichts. Wir fordern, dass Deutsch als Zweitsprache nur von dafür qualifizierten LehrerInnen unterrichtet werden darf.

Da der Förderbedarf auch in den nächsten Jahren gegeben ist, ist ein DaZ-Förderunterricht notwendig. Analog zum inklusiven Schulgesetzt sollte an jeder Schule einE DaZ-LehrerIn arbeiten bzw. bei erhöhtem Bedarf mehr.

Ein individueller Rechtsanspruch auf eine DaZ-Förderung sollte außerdem im Schulgesetz verankert werden.

Diese DaZ-Förderung sollte für alle Schularten gelten – ob Berufsschule, weiterführende Schule oder Grundschule: eine Förderung ist unumgänglich.

Für absolute AnalphabetInnen, die älter als 12 Jahre sind, sollte eine andere Lösung gefunden werden. Hier ist eine Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe denkbar. Eine Einschulung in o.g. Schulen ist nicht möglich. Dies hat die Erfahrung vieler LehrerInnen gezeigt.

Begrüßenswert wären außerdem Standards zu folgenden Themen: DaZ-Lehrpläne, Diagnoseverfahren und muttersprachliche Kognitionstests.

Wir freuen uns, dass sich Thüringen bereits auf den Weg gemacht hat, SchülerInnen mit Migrationshintergrund zu integrieren und versucht, ihnen die gleichen Chancen zu geben, wie allen anderen SchülerInnen. Dies darf jedoch nicht mit diesem Schuljahr enden.

Für weitere Gespräche stehen wir zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Albulenë Thaçi

im Auftrag des DaZ-Netzwerks Jena

 Jena, den 14.11.2016

anhorung_landtag-pdf

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